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08.07.2026
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250 Jahre USA - Mythos und Wirklichkeit
Mit Beilage vom Marxistischen Ratschlag und Karl Liebknecht
Beschreibung
Editorial
250 Jahre USA: Das ist kein Jubiläum der Freiheit, sondern Anlass, einen der wirkmächtigsten
politischen Mythen unserer Zeit aus linker Perspektive zu kritisieren. Während
der Spiegel in seiner Sonderausgabe »250 Jahre USA« das Land als Heldengeschichte von
Demokratie, Aufstieg und nationaler Größe feiert, geht es in dieser Ausgabe der Marxistischen
Blätter um die verdrängte Bilanz: Kolonialismus, Sklaverei, Landraub, Klassenkrieg
und imperiale Expansion – also um das, was im Hochglanzformat höchstens als »Schattenseite
« erscheint. Schon die Amerikanische Revolution war kein Freiheitsakt, sondern ein
bürgerlicher Umbruch, getragen von Kaufleuten, Pflanzern und kolonialen Eliten, die sich
von britischen Fesseln lösen wollten. Wo der Spiegel schweigt, sprechen unsere Beiträge von
der Klassenspaltung dieser »Freiheit« und den damit verbundenen Kämpfen.
Die Geschichte bestätigt dieses Muster. Auf koloniale Landnahme folgten Verfassung,
Westexpansion und Industrialisierung; aus der Republik der Sklavenhalter und Kaufleute
wurde die führende kapitalistische und später imperialistische Macht. Die Monroe-Doktrin
trat früh im Gewand antikolonialer Rhetorik auf, formulierte aber den hegemonialen
Anspruch Washingtons auf die westliche Hemisphäre – ein roter Faden, den das Spiegel-
Narrativ zur »Ordnungsmacht« verklärt, obwohl er militärische Drohung und ökonomische
Unterwerfung bezeichnet.
Aus Sicht der Arbeiterbewegung ist US-Geschichte die Geschichte sozialer Kämpfe. Die
großen Arbeitskämpfe des 19. Jahrhunderts, der Achtstundentag von 1886, Haymarket, die
durch Betriebsbesetzungen und Massenstreiks gewonnenen Errungenschaften, die sich institutionalisiert
niederschlugen im New Deal, standen gegen eine Bourgeoisie, die die Lohnabhängigen
mit Gewalt organisierten, mit Gerichten und Hetze antwortete. Wenn der Spiegel
dies als »Modernisierung« erzählt, verschleiert er, dass Klassenmacht gebrochen wurde.
Die aktuelle, begrenzte Revitalisierung gewerkschaftlicher Kämpfe zeigt, dass selbst im Herzen
des Kapitals neue Formen betrieblicher Selbstorganisation, Basisarbeit und multiethnischer
Klassenpolitik entstehen. In den Beiträgen wird herausgearbeitet, dass die US-Ordnung
zunehmend autoritäre Züge trägt. Die USA erscheinen als Beispiel eines »soften Bonapartismus
«: eine präsidiale Macht, plebiszitär legitimiert und zugleich mit weitreichenden Exekutiv-
und Kriegsbefugnissen ausgestattet, um innere Konflikte repressiv zu bearbeiten und nach
außen imperial zu überdecken; die Ausweitung präsidentieller Immunität durch den Supreme
Court passt in dieses Muster – im Spiegel allenfalls als »Krise der Institutionen« vermerkt.
Besonders außenpolitisch ist die Kluft zwischen Mythos und Realität offensichtlich. Im
20. Jahrhundert bis heute verbanden die USA ihren globalen Führungsanspruch mit Interventionen,
Kriegen und antikommunistischen Ordnungsprojekten, einschließlich der Förderung
faschistischer Kräfte überall in der Welt. Das Erstarken multipolarer Kraftzentren zeigt
den relativen Niedergang einer Macht, die ihren Anspruch umso aggressiver behauptet, je
brüchiger ihre Basis wird. Gegen die spiegelgerechte Feier des »amerikanischen Jahrhunderts
« setzt diese Ausgabe ausgewählte Beiträge zur wirklichen Geschichte: Ausbeutung und
Widerstand, Gegenrevolution und Emanzipation. Die Beiträge dieser Ausgabe führen aus,
dass die Zukunft nicht im Mythos USA liegt, sondern in den sozialen Bewegungen jener, die
dort wie überall für eine menschenwürdige Gesellschaft kämpfen.
Inhalt
In gemeinsamer Sache
Kommentare
Kuba und das Recht des Stärkeren, Leon Varga
Trotz Absage der US-Mittelstreckenraketen: keine Entwarnung, Jürgen Wagner
»America First« gegen Multipolarität, Willy Sabautzki
Eindrücke vom Parlament der Arbeit, Ulrike Eifler
Sozialkahlschlag: Nach den Pfiffen nun in die Aktion!, Manfred Sohn
Zu den ungarischen Parlamentswahlen, Ulrich Schneider
Leserzuschriften
Monika Strauß (Bad Soden) zu Matin Baraki »Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone« (in MBl 1_2026)
Joachim Schubert (Mannheim) zu Willy Sabautzki »Vertrauenskrise« (MBl 1_2026)
Peter Maaßen (Frankfurt) zu Markus Bernd »Integration statt Alternative« (MBl 2_2026)
Michael Stiels-Glenn (ehemals Dülmen): E-Mail aus Kenyia
Berichte
Reflexion der Widersprüche – Hans-Heinz-Holz-Tagung 2026, Hannes Fellner
Sozialistisches Chinamaxxing, Willy Sabautzki
Thema: »250 Jahre USA – Mythos und Wirklichkeit«
Revolution im Kopf, Greg Godels
250 Jahre USA – Verheißung und Illusion vom individuellen Glück, Raimund Ernst
Imperialer Zyklus und Weltordnung, Peter Gärtner
Die USA – eine Demokratie?, Andreas Wehr
Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion – auch ein US-Stellvertreterkrieg, Werner Rügemer
250 Jahre USA von unten, Ulrich Schneider
Wie die US-Gewerkschaften Trumps Autoritarismus bekämpfen können, Alex Caputo-Pearl
Jack Londons »Die Eiserne Ferse« – Erste Dystopie des Imperialismus, Jenny Farrell
250 Jahre USA – Eine Chronologie, Peter Gärtner
Marxismus nicht nur für Einsteiger
Was hat Künstliche Intelligenz mit Karl Marx zu tun?, Lothar Peter
Kalenderblätter
Fidel Castro und das Schicksal der kubanischen Revolution, Peter Gärtner
Fritz Giga und sein zweites Leben im Spanien-Krieg, Klaus Oberschewen
Positionen
Das chinesische Demokratieverständnis: Ganzheitliche Volksdemokratie, Thomas Allwin
Der Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik (1922–1927). Volkmar Schöneburg
Kapitalistische Schizophrenie in der Migrationsfrage, Artur Pech
Jürgen Habermas: Diskurs, Öffentlichkeit, Demokratie, Lothar Peter
»Marxist through and through« – Hollitscher im Londoner Exil, Christian Kaserer
Rezensionen
Jürgen Mackert/Ilan Pappe (Hrsg.): Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen (Peter Gärtner)
Victor Grossman: Rebel Girls – 34 amerikanische Frauen im Porträt (Jenny Farrell)
Der rote Faden – Aus dem Leben und Wirken des ehemaligen DKP-Vorsitzenden Heinz Stehr (Nina Hager)
Thomas Riegler: Der Wiener Spionagezirkel. Kim Philby, österreichische Emigranten und der sowjetische Geheimdienst (Rainer Venzke)
Volkmar Schöneburg: Macht und Recht (Mesut Bayraktar)