Details
Weitere Details
Deutsch
148
Multiple Krise & marxistisches Menschenbild
Beschreibung
Editorial
Seit Monaten geht es im öffentlichen Diskurs hauptsächlich um die sogenannte »Corona«-Krise. Alle anderen Themen scheinen nachgeordnet: Die Naturzerstörung schreitet fort. Die sozialen Gegensätze nehmen zu, bedrohen die demokratischen Grundlagen und den zivilisierten Umgang miteinander. Der Konfrontationskurs in Medien und Politik gegenüber China wird verstärkt, weil das Versagen des Systems in der Pandemie den Westen weiter hinter China zurückfallen lässt. Rüstungsausgaben und aggressive Rhetorik steigen, während das System nicht in der Lage ist, einen nationalen Impfprozess zufriedenstellend zu organisieren.
Die Distanz der Bevölkerung zur Politik und zum System nimmt erkennbar zu. Leider äußert sich diese Distanz häufig in allerlei irrationalen Bewegungen, deren extremste Form als Faschismus Stärke gewinnt. Die Pandemie wird von den Herrschenden genutzt, um den Subjekten eine rationale Einsicht in ihre Lage zu versperren.
Wir nehmen den 50. Todestag von Georg Lukács im thematischen Schwerpunkt zum Anlass, hinter die Oberflächenphänomene politischen Geschehens in der Krise zu blicken. Claudius Vellay hebt hervor, dass das zentrale Merkmal des Menschen seine Teleologiefähigkeit ist. Klaus Weber beschreibt ausgehend von der »Einzigartigkeit des Menschen« die Kritische Psychologie als einzige Subjektwissenschaft, die die Verflechtungen des Subjekts mit seinen ökonomischen, kulturellen und sozialen Verhältnissen zum Thema macht. Nur die aktiven Handlungen der Subjekte können die Verhältnisse ändern, was aber weniger »Kampf«, sondern vor allem »viel Arbeit« bedeutet. Arnold Schölzel beschäftigt sich mit der in weiten Teilen der Gesellschaft zu beobachtenden »Zerstörung der Vernunft«. Sie wird in der Krise aktiv vorangetrieben und zur Sicherung der Klassenherrschaft notwendig, wie Lukács bereits vor 50 Jahren in seiner gleichnamigen Schrift ausgeführt hatte. Zwecke und Absichten menschlichen Handelns entwickeln sich durch aktive psychische und praktische Tätigkeit der Subjekte unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen. Die von Helga Hörz angestellten Überlegungen zu einer marxistischen Ethik stellen einen Leitfaden für ein humanes Handeln in der Krise zur Diskussion. Das Mensch-Natur-Verhältnis thematisiert Hans-Peter Brenner. Er verweist auf die existentielle Bedeutung der Naturgrundlage, der der Mensch zwar nicht ausgeliefert ist, der er aber auch nicht entfliehen kann. Über die gesellschaftliche und praktische Kooperation als Notwendigkeit für die Entwicklung von Handlungsfähigkeit schreibt Werner Zimmer-Winkelmann. Diese benötige veränderte Handlungs- und Kommunikationsbedingungen, die von den Subjekten bereits unter kapitalistischen Verhältnissen selbst geschaffen werden müssen. Abschließend betont Herbert Hörz in seinem Artikel u. a. die Bedeutung des »Utopie- Defizits«, das sich in einem kurzsichtigen politischen Alltagsgeschäft zeige und dessen Behebung für ein aktiveres Handeln zur Überwindung der Systemkrise notwendig sei. Kapitalismus ist kein Schicksal, sondern der Mensch als gesellschaftliches Subjekt ist dazu in der Lage, die Welt und sich selbst aktiv und bewusst zu verändern. Dazu ist eine Weiterführung der in diesem Heft geführten Debatte notwendig, nicht zuletzt weil diese Artikel zeigen, dass es auch in Grundsatzfragen unterschiedliche Ansichten zwischen Marxist:innen gibt. wzw