Prag mit anderen Worten - Cover
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ISBN/EAN: 978-3-7374-0782-3
Einband: gebundenes Buch
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Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
192 S.

Hersteller:
CORSO im Verlagshaus Römerweg GmbH
verlagshausroemerweg@sigloch.de
Römerweg 10
DE 65187 Wiesbaden


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Prag mit anderen Worten

Unterwegs zwischen Gassen und Geschichten - eine literarische Reise

36,00 €

Noch nicht lieferbar

Beschreibung

Die Metropole an der Moldau versteht es, ihre Schönheit schamlos zur Schau zu stellen, doch ihre Geheimnisse hütet sie sorgfältig. In den letzten hundertfünfzig Jahren durchlief die Stadt Monarchie, Totalitarismus und eine fragile Demokratie; all diese Regime prägten sie und die ansässige Dichter- und Denkerriege. Drei Schriftsteller und eine Kulturjournalistin nehmen die Leserin und den Leser mit auf eine literarische Spurensuche durch Prag. Das Buch richtet sich an jene, die durch eine fremde Stadt nicht nur spazieren, sondern ihr lesend näherkommen wollen: aufmerksam für das, was sich zwischen Gassen und Fassaden, Echos und Erinnerungen, Spuren und Stimmen verbirgt. Das Buch lädt dazu ein, diese Spuren nachzugehen, und dabei die Stadt auf individuelle Weise zu erleben und ihre Geschichten in sich aufzunehmen. Mit Fotografien von Christian Seeling.

Über Roland Schwarz, Iva Procházková, Marek Toman

Roland Schwarz ist Autor aus Oberösterreich. Studium und Lehrtätigkeit führten ihn in mehrere Länder; derzeit lebt und arbeitet er in Prag, seiner ständigen Inspirationsquelle. Zuletzt erschien sein Erzählband My Papa, the Poet - How books change our lives (2026). Iva Procházková ist eine vielfach preisgekrönte tschechische Schriftstellerin. Zuletzt auf Deutsch erschienen: Die Spur der Kälte (2025). Sie lebt in Prag. Marek Toman ist Autor und Publizist aus Prag. Sein Roman Lob des Opportunismus (auf Deutsch erschienen 2021) gewann den Preis des Tschechischen Literaturfonds. Marketa Kachlíková studierte Germanistik und Bohemistik an der Prager Karlsuniversität. Sie ist seit 1996 Redakteurin der deutschsprachigen Ausgabe von Radio Prag.

Leseprobe

Man darf kein literarisches Buch über Prag schreiben ohne ein Kapitel über Kafka. Es käme einer Blasphemie gleich, den goldenen Sohn der Goldenen Stadt nicht zu erwähnen. Notwendig wäre es wohl nicht, denn Bücher über Onkel Franz gibt es wie Sand am Meer, und ebenso viele Deutungen seines Werkes; darf man sagen zu viele? Ich werde mich aber hüten, über das Goldene Gässchen zu schreiben - dort hat er ohnehin nie gewohnt -, auch nicht über das überlaufene Kafka-Museum auf der Kleinseite, oder den drehenden Kafka-Kopf des bekannten Bildhauers David Cerny (den man in der Charvátova-Gasse bestaunen kann). Nein, wir wollen unsere literarische Reise durch Prag ganz im Zentrum der Stadt beginnen und ein Haus in den Vordergrund rücken, an dem praktisch alle Touristen vorbeiströmen. Niemand denkt dabei an Kafka. Dabei sollte es eigentlich der wichtigste Kafka-Pilgerort Prags sein, immerhin hat die Familie Kafka dort fünfzehn Jahre lang gewohnt, von 1892 bis 1907. Das Galanteriewarengeschäft seines Vaters Hermann befand sich im Erdgeschoß des Gebäudes, die Wohnung im zweiten Stock. Als der junge Franz dort einzog, war er ein Knabe von neun Jahren. Als er auszog, war er Doktor der Juristerei und hatte seine ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt. Sie mussten - zumindest stellt er es so dar - furchtbar für ihn gewesen sein, so dass er für den Rest seines Lebens Abscheu vor dem Beischlaf empfand. Aber der Reihe nach. Das Bemerkenswerte an der Familie Kafka war, wie oft sie innerhalb Prags umzog. Es war ein Bedürfnis des Familienoberhauptes Hermann Kafka, den Seinen das bestmögliche Leben zu bieten. Immer dann, wenn seine Geschäfte besser liefen und er die Leiter des materiellen Wohlstands eine Stufe höher stieg, suchte er eine geräumigere Wohnung. Zudem wurde die Familie immer größer. Franz hatte drei jüngere Schwestern: Gabriele, Valerie und seine Lieblingsschwester Ottilie (Ottla). Zwei Brüder hingegen verstarben schon im Säuglingsalter. Insgesamt zog die Familie seit dem Zeitpunkt von Franzens Geburt im Jahr 1883 fünfmal um, bis der dann schon 32-jährige Doktor der Rechtswissenschaften im Jahr 1915 endlich seine eigene Bleibe bezog (in der Bílkova-Straße 868/10, aber glücklich war er auch dort nicht und suchte bald wieder ein neues Dach über dem Kopf)[i]. Fünfzehn Jahre lang also lebten Hermann Kafka und seine Familie in der Celetná, der Zeltnergasse 602/3. Diese ist eine der ältesten Gassen Prags und verbindet den Pulverturm mit dem Altstädter Ring. Das Haus liegt an der Ecke zum Ring und trägt den klingenden Namen U Trí Králu (Zu den Drei Königen), auch wenn an der Fassade nichts Königliches mehr ersichtlich ist, abgesehen vielleicht vom imposanten Eingangstor. Dort hatte der junge Franz - und das war für seine Zeit ungewöhnlich - sein eigenes Zimmer mit Schreibtisch, mit Blick auf die Celetná. Folglich ist das der Ort, wo einer der größten Erzähler des zwanzigsten Jahrhunderts seine ersten Geschichten niederschrieb; auch wenn die meisten jugendlichen Schreibversuche nicht ins Heute gerettet wurden. Der kuriose Name dieser Straße, das erklärt uns eine weitere Pragerdeutsche Autorin, nämlich Lenka Reinerová, kommt von den zahlreichen Bäckersläden, die hier schon im Mittelalter ihre kunstvoll gekrümmten Kuchen feilboten, die sie Zeltchen oder Zeltlein nannten. Als die Dichterin einmal Anfang des dritten Millenniums Richtung Pulverturm schlendert, schwatzt sie im Geiste mit ihrem vertrauten Freund aus frühen Prager Tagen, nämlich Egon Erwin Kisch, tauft jene Gasse spontan in Kuchenstraße um und hat die verlockende Vision einer Tasse Kaffee und einer Portion Sachertorte oder vielleicht auch eines Stückes geflochtenen Zeltleins im Kopf.