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'Das war's dann wohl'

Abschiedsbriefe von Männern

Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442155675
Sprache: Deutsch
Umfang: 208 S., mit Abb. (2)
Format (T/L/B): 1.5 x 18.3 x 12.5 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Das unverzichtbare Pendant zu "Und ich dachte, es sei Liebe. Abschiedsbriefe von Frauen" Abschiedsbriefe sind ein Faszinosum. Sie sind voller Wahrheiten, hin und wieder auch voller Lügen. Immer aber kann man zwischen den Zeilen lesen. Sie trennen sich von Frauen und Freunden, von Autos und Aufsichtsratsposten, manchmal vom eigenen Leben. Unverblümte, intime Einsichten in die Gefühlswelten von Männern bietet Sibylle Berg mit dieser Auswahl von Briefen, die auf berührende Weise deutlich machen, wie Männer um Worte ringen, wenn der Abschied naht. Mit Briefen von Leo Tolstoi, Edgar Allan Poe, Fernando Pessoa, Charles Baudelaire, Alain Delon, Wiglaf Droste, Karl Kraus, Moritz Rinke, Friedrich Dürrenmatt und vielen anderen mehr. Liebevoll eingeleitet und kommentiert von einer der bekanntesten Autorinnen Deutschlands.

Leseprobe

Ein Vorwort für Männer Nicht gerne Abschied zu nehmen ist nicht originell. Aber originell sein zu wollen ist es auch nicht. Sich von nichts trennen zu wollen ist eine genetisch tiefverwurzelte Geschichte, und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. All die armseligen Tricks, um ja kein Mensch zu sein! Da gibt es welche, die in klösterlich kargen Zellen wohnen, freiwillig, nur weil sie ihr Herz nicht an Besitz hängen möchten, der verbrennen oder vom Pfandleiher beschlagnahmt werden könnte. Stets achten sie darauf, dass all ihre Bindungen ein gewisses Maß an Tiefe nie überschreiten, damit es ihnen leichtfällt, den Hut zu nehmen. Den nehmen sie auch immer als Erste, sagen flapsig: 'Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist' und lassen Partner mit feuchten Augen zurück. Netter Versuch. Hilft nichts. Nur zu klar erkennbar ist hinter all den saloppen Bemühungen die Angst vor dem furiosen Goodbye. Hört ihr einen sagen: 'Ich brauche keinen Besitz, ich brauche keine Bindungen, ich bin frei wie ein Vogel' - lacht ihn aus und geht behände eurer Wege. Die einzige Zeit, in der wir uns gerne von Gewohntem trennen, ist die Jugend, wenn wir den Tod noch nicht erkannt haben. Mit großem Hallo verlassen wir unsere Eltern, die Schule, die heimatliche Umgebung, die Freunde, um in ein Leben aufzubrechen, das uns unendlich erscheint und von uns selber gestaltbar. Niedliche, pfeifende Jugendliche sieht man leichtfüßig mit ihren Bündeln auf dem Rücken über Auen springen und denkt sich mit der überlegenen Starrheit des Alters: 'Warte nur, bald holt das Leben auch dich'. Spätestens zehn Jahre nach der Adoleszenz bekommen die meisten von uns die Backpfeifen des ungewollten Abschiednehmens um die Ohren gehauen: der erste Job, den man verliert, ohne dass man darum gebeten hätte, die erste Flut, die das Bettchen wegschwemmt, die erste Liebe, die geht, weil sie glaubt, hinter der nächsten Ecke lauere das große Glück. So prügelt einen das Leben langsam zu Boden, und jeder normale Mensch beginnt, Abschiede zu hassen. Alle, selbst die kleinen, wenn das Kind, der Mann, die Frau verreist aus Gründen, und man steht am Bahnsteig und schweigt, und die Minuten werden zäh, und man weiß nichts zu sagen. Vögel fallen zu Boden, und man fragt sich, warum ist mir die Kehle so eng, sind doch nur drei Wochen oder Tage, eine absehbare Zeit. Wir ahnen, jeder kleine Abschied kann einer für immer werden, die Fluglotsen werden's schon richten. Irgendwann mag man auch keine neuen Gewohnheiten mehr, selbst wenn die alten nicht brillant sind, wenigstens kennt man sie, man kennt seine Vorurteile und seinen Weg ins Büro und den Griff zur Zigarette. Die Abscheu allem gegenüber, was die Gewohnheiten bedrohen könnte, manifestiert sich, und zack, schon hebt man den rechten Arm und findet, dass früher alles besser war. Obacht geben heißt es da, dass man nicht ins Phlegma verfällt, nichts tut, was einem eigentlich verhasst ist, nur weil man Angst vor der Veränderung, Angst vor dem Ende hat. So schwer ist es, eine bekömmliche Mitte zu finden, zwischen stierem Ausharren und hektischer Umtriebigkeit. Ständiges Sich-Verabschieden bekommt keinem Menschen. Schau dir die an, die ohne Besitz zwischen den Welten wandern: aussteigen, aber richtig, mal in Asien, dann in Frankreich, und immer neue Freunde - hey, wie locker, und dann sind sie vierzig Jahre alt, sehen aus wie Schrumpfköpfe und knallen sich mit Drogen voll, weil der Geist des Menschen mit zu viel überspielter Trauer nicht klarkommt. Das Gegenteil von dem hockt in derselben Wohnung seit vierzig Jahren, mit demselben Menschen, den mag man zwar nicht, aber da ist ja das Kind, und das ist zu dick, aber Essen muss sein, Kauen ist doch die einzige Bewegung, die noch stattfindet. Die Mitte, wie geht die nur? Wir müssen uns verabschieden, so sehr wir es auch hassen. Und nichts führt daran vorbei, dass wir uns auch von uns selbst trennen müssen, von den Formen, die wir einst hatten. Die Festigkeit des Gewebes verflüchtigt sich, irgendw