Details
ISBN/EAN: 978-3-0369-5186-7
Einband: gebundenes Buch
Weitere Details
Originaltitel:
Four Terrible Parents
Four Terrible Parents
Übersetzer:
Verena Kilchling
Verena Kilchling
Erschienen am:
14.09.2026
14.09.2026
Sprache:
English
English
Umfang:
416 S.
416 S.
Format (T/L/B):
2 x 19 x 12.4 cm
2 x 19 x 12.4 cm
Hersteller:
Kein & Aber AG
Kein & Aber Verlag, Württembergallee 12, D-14052 Berlin
berlin@keinundaber.de
Bäckerstrasse 52
CH 8004 Zürich
Importeur:
Kein & Aber Verlag
berlin@keinundaber.de
Württembergallee 12
DE 14052 Berlin
Kein & Aber AG
Kein & Aber Verlag, Württembergallee 12, D-14052 Berlin
berlin@keinundaber.de
Bäckerstrasse 52
CH 8004 Zürich
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Kein & Aber Verlag
berlin@keinundaber.de
Württembergallee 12
DE 14052 Berlin
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Beschreibung
Als Valentine unerwartet ein Gothic-Hotel in South Carolina erbt, fühlt es sich wie Schicksal an. Denn seit sie, ihre Partnerin Linh, ihr langjähriger Freund und Bandkollege Raul und sein Partner Banner in ihren Vierzigern sind, haben sich ihre Prioritäten verschoben. Schließlich schafft Val es, die anderen davon zu überzeugen, von Berlin und New York in die Südstaaten zu ziehen, um das heruntergekommene Hotel zu renovieren. Dort wollen sie eine ungewöhnliche Wahlfamilie gründen und alle gemeinsam ein Kind großziehen. Mit vier Elternteilen müsste niemand seine Identität aufgeben, sie könnten Künstler bleiben und ein erfülltes Leben führen. Doch als die vier sich in ihrem neuen Zuhause einleben und ihre Tochter August zur Welt kommt, geraten die Beziehungen ins Wanken. Am Tag der Hoteleröffnung verwandelt sich der Abend in einen Albtraum: August ist verschwunden. Daraufhin wenden sich die Eltern gegeneinander. Und bald wendet sich die Welt gegen sie.
Über Calla Henkel
Calla Henkel, geboren 1988 in Minneapolis, ist eine amerikanische Autorin, Regisseurin, Künstlerin und Dramatikerin. Sie inszenierte unter anderem an der Volksbühne Berlin; ihre in Zusammenarbeit mit Max Pitegoff entstandenen Kunstwerke wurden in Museen und Galerien weltweit ausgestellt, u. a. im New Yorker Whitney Museum of American Art. Calla Henkel lebt in Los Angeles und Berlin. Nach Ruhm für eine Nacht und Ein letztes Geschenk ist Das haben wir nicht gewollt ihr dritter Roman bei Kein & Aber. Verena Kilchling übertrug für Kein & Aber neben Calla Henkel bereits Romane von Nicola Upson, Hannah Tinti, Dinaw Mengestu, André Aciman und Francesca Segal ins Deutsche.
Leseprobe
Detective Royce Detective Royce beherrschte Vernehmungen eigentlich aus dem Effeff, aber heute war er abgelenkt, fasziniert von dem Pappbecher, der vor Banner auf dem Tisch stand. Er wusste, dass er nicht ewig auf den abgerundeten, wachsüberzogenen Rand des Bechers glotzen konnte, auf dem er trotz der spärlichen Beleuchtung einen schwach glänzenden Lipgloss-Abdruck erkannte, einen perfekten Glorienschein. In Royce Gehirn ratterte es. In Gedanken notierte er seine Beobachtung, zog sorgfältig einen imaginären Stift hervor und schrieb sie in sein fiktives Notizbuch, als wäre der Lipgloss-Ring auf dem Becher dieses Mannes eine heiße Spur - das letzte schlüpfrige Indiz, das er brauchen würde, um das vermisste Mädchen wieder nach Hause zu bringen. Er musste es schaffen. Royce holte Luft, um sich zu sammeln, und hob den Kopf, wobei sein Blick auf die Kamera im Vernehmungsraum fiel, auf das kalte geschliffene Glas der Linse, das dämonische Blinken des roten Kontrolllämpchens, das lüsterne Grinsen der ausfahrbaren Wandaufhängung - eine Erinnerung daran, dass er nicht aus seiner Rolle fallen durfte. Valentine Valentine rüttelte am Griff. Das Hotelfenster war verriegelt, ließ sich nicht öffnen. Sie konnte keine Zigarette rauchen, kein Baby übers Fensterbrett baumeln lassen, sich nicht umbringen. Es gab absolut nichts Glamouröses an diesem Betonklotz von einem Novotel im Zentrum von Prag. Vor zehn Jahren wäre ungefähr um diese Zeit ein schwarzer Wagen vorgefahren, um sie und Raul zum Veranstaltungsort zu chauffieren. Vor zehn Jahren hätte sautierter Fisch geduldig unter silberglänzenden Warmhaltehauben gewartet, während kalter Weißwein summend in einem Kühlschrank bereitstand. Als Valentine nun vor dem permanent verschlossenen Fenster des Hotels stand, fragte sie sich, ob die Zimmereinrichtung wohl deshalb fast gänzlich aus Plastik bestand, damit sie mit dem Wasserschlauch abgespritzt oder der ganze Raum einfach per Knopfdruck durchgespült werden konnte. Sie ging ruhelos auf und ab, trug bereits ihren schwarzen Body und zerrissene Strumpfhosen. Die langen braunen Haare waren fettig und hingen ihr offen über den Rücken. Sie war gerade mit dem Schminken fertig geworden, hatte üppig Eyeliner aufgetragen. Valentine war immer noch mager, immer noch muskulös. Und wurde nach wie vor mit Patti Smith in ihrer Horses-Ära verglichen. Sie holte Luft und fing an, in jodelnden Tonleitern ihre Stimme durch den Raum zu schleudern. Nur derart aufgewärmt schaffte sie es, all die dunklen Töne zu treffen, die Raul und sie sich mit Mitte zwanzig aufgehalst hatten, als sie noch jung und fit gewesen waren. Die diesjährige Tour hatte schon holprig begonnen. Ihr erstes Konzert in Lissabon war wegen zu geringer Ticketverkäufe abgesagt worden, aber sie hatten es gut weggesteckt und waren trotzdem ausgegangen, hatten sich mit absurd fettigen Tapas vollgestopft und dazu zwei teure Flaschen Rotwein getrunken. Es war ihnen vorgekommen wie früher. Die triste Wahrheit brach mit dem Kater herein und dem nächsten Konzert in Porto, das ebenfalls nicht ausgebucht war. Vielleicht waren es immer noch die Auswirkungen der Pandemie, die die Leute fernhielt. Vielleicht war es zu heiß. Die Hitzewelle, alle waren am Strand. Valentines und Rauls Booker warf mit Ausreden nur so um sich. Genau wie der Barkeeper der Konzertlocation. Und die wenigen Freundinnen und Freunde, die sich dazu bequemt hatten, zum Gig zu erscheinen. Barcelona war gut gewesen. Nicht brechend voll, aber die Energie war da, auch wenn die Tanzfreude des Publikums auffallend abgenommen hatte. 'Ja, weil wir verdammt noch mal alle steinalt sind', hatte Raul erklärt und gelacht, als sie sich ihre üblichen Mezcal-Shots nach der Show genehmigten. Valentine ließ das Brennen ihre Kehle hinunterwandern und dachte an frühere Touren. Raul und sie hatten immer gewitzelt, dass sie regelmäßig für Nachwuchs bei ihren Fans sorgen müssten, wenn sie ein langes Bandleben genießen wollten. Electro-Clash war zwar nicht mehr angesagt, aber SEZME war ein Klassiker, fester Bestandteil jeder Dance-Party, feinster Indie-Sleaze. Während der letzten zehn Jahre hatten Raul und Valentine darauf gebaut, dass ihre Studentenwohnheim-Hits aus den frühen Nullerjahren die Xennials und älteren Millennials, die ihre Konzerte besuchten, in ihre Jugend zurückbeamten. Das Zimmertelefon klingelte. Valentine wusste, dass Raul von zwei Zimmern weiter anrief. Sie wusste immer, wann er es war. Eigentlich mussten sie kaum noch miteinander kommunizieren - sie erkannte, wann bei ihm eine Krankheit im Anmarsch war, wann er mit seiner Mutter gesprochen hatte, wann er Hunger hatte. Wenn sie ihm gegenüberstand, las sie all dies mühelos daran ab, wie seine Haut sich über seinen Schläfen spannte. 'Was ist?' 'Unser heutiges Konzert wurde abgesagt.' Valentine schwieg. 'Angie hat angerufen', erklärte Raul und bezog sich auf ihre Tourmanagerin. 'Fuck.' 'Du bist doch diejenige, die immer im Bett bleiben will.' Valentine seufzte und starrte auf die Plastiktapete. 'Ich erwarte gleich noch einen Anruf und gehe dann joggen.' 'Igitt, Sport', erwiderte sie knapp, genervt davon, dass Raul seit seiner Entziehungskur darauf bestand, auf gesunde Weise mit Stress umzugehen. 'Ich bestelle mir was beim Zimmerservice.' 'Im dritten Stock gibt es einen Verkaufsautomaten', teilte ihr Raul mit näselndem Akzent mit und legte dann auf. Valentine probierte es trotzdem bei der Rezeption. 'Hi, Zimmer 548. Ja. Kann ich eine Flasche Rotwein bei Ihnen bestellen?' 'Verzeihung, wir bieten keinen Zimmerservice an. Aber Sie finden einen Verkaufsautomaten im dritten Stock.' Valentine registrierte den näselnden Bariton, den Raul imitiert hatte, und verspürte einen Anflug von Wut. War das jetzt ihr Leben? In einer Absteige in Osteuropa festzusitzen? Gehörte Tschechien überhaupt zu Osteuropa? Sie stellte sich all die gelangweilten Geschäftsmänner mit kleinem Reisebudget vor, die bereits auf diesem steifen Bett gelegen hatten. Wahrscheinlich wussten die, ob Prag zu Osteuropa gehörte. Tja, sie war nun mal keine von denen. Sie war ein 'Rockstar'. Valentine hasste dieses Wort. Es kam ihr immer wie eine Beleidigung vor, wenn andere es sagten. In ihrem eigenen Kopf tauchte es als höhnische Bemerkung auf, wenn etwas nicht nach Plan lief. Oh, der Rockstar hat wieder nicht pünktlich seine Steuern gezahlt. Oooh, der Rockstar muss zur Kraftfahrzeugbehörde! Ihr war vollkommen klar, dass Rockstars schneller austrockneten als Filzstifte, und sie musste an die Mitglieder der Rockband KISS denken, mit ihrer aufgeklatschten Schminke, die die pockennarbigen, faltigen Gesichter nur ungenügend verdeckte. Wie aufs Stichwort erhaschte sie einen Blick auf ihre eigenen, schwarz umrandeten Augen im Spiegel und spürte, wie Ekel in ihr aufstieg. Valentine nahm den Aufzug und fuhr zwei Etagen nach unten. Dort stand ein neonbeleuchtetes Rechteck aus Glas und Metall. Geräucherte Würstchen, Kaugummi, Chipstüten, Cracker in gelber Plastikverpackung und halb zerlaufene Gummibärchen in Clownsform. Und ganz unten, wie durch ein Wunder, vier staubige Miniflaschen Tempranillo mit Schraubdeckeln. Valentine kaufte alle vier und dazu die Tüte mit den Clownsgummibären, weil sie sich wie einer davon fühlte. Vielleicht wollte sie aber auch das Clownsvolk aus seiner traurigen Tüte befreien. Oder sich selbst essen, ein Meta-Clown-Fressgelage. Valentine schnürte ihre Stiefel auf, streifte sie ab und machte es sich im Bett bequem. Sie schraubte das erste Weinfläschchen auf und versuchte, Linh anzurufen. Das Klingeln ihres lautgestellten Handys schallte zur Decke hinauf. Linh ging nicht ran. Val betäubte ihre Niedergeschlagenheit mit einem kräftigen Schluck Wein. Normalerweise ließen sich die Stationen jeder Konzerttour anhand der Frauen nachzeichnen, mit denen sie Sex hatte, manchmal auch der Männer, sofern sie genügend Ähnlichkeit mit Sam Shepard hatten. Jede Stadt war ein Planet, der zwischen den Beinen einer Eroberung existierte. ...